Juli: Mitfeiern!

Gelegenheiten zum Feiern bietet der Monat viele. Die Schülerinnen und Schüler jubeln in den letzten Wochen des Monats über das Ende des Schuljahres. Erfreulicherweise beginnen viele dieser Feiern mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Friedenskirche, in St. Maria oder St. Ulrich. Anschließend werden Zeugnisse überreicht, Leistungen gewürdigt, Dankesworte gesprochen – und diejenigen, die es in diesem Jahr leider (wieder) nicht geschafft haben, sind da manchmal gar nicht mehr im Blick …

Vorher, schon am 15. Juli, feiert ab 19 Uhr ein ganzes Land – oder wenigstens alle vom Fußball begeisterten Menschen – den neuen Weltmeister, in den darauf folgenden Tagen sicher mit großem Bahnhof daheim, Autocorso durch die Hauptstadt und dem goldenen Weltpokal zum Herzeigen und Anfassen nahe. Deutschland schaut sich das alles entspannt an und gönnt es auch einmal einem anderen Team, das Finale zu gewinnen …

Am 22. Juli feiert unsere Gemeinde ihr Gemeindefest. Die Feiermeile im Carolinenhaus in der Carolinenstraße in Söcking und auf der Wiese daneben ist mit Sitzgelegenheiten bestückt, die hoffentlich fast nicht reichen. Viele sind mit Hüten da, weil die Sonne herrlich scheint. Die neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden haben sich schon auf dem ersten LiBi-Wochenende kennengelernt und treten im Geleit ihrer Mentorinnen und Mentoren im grünen T-Shirt auf. Unsere Bläserinnen und Bläser stimmen ihre Instrumente und die Gemeinde festlich. Im Gottesdienst ab 11 Uhr führt der Dekan Axel Piper den „neuen“ Starnberger Pfarrer ein. Inhaltlich geht es um das Thema „Schöpfung“ und gleich im Anschluss stillt die Festfreude ihren ersten Hunger und Durst …

Vorher, schon am 15. Juli, feiert unsere Gemeinde ab 9.30 Uhr den Sonntagsgottesdienst in der Friedenskirche und bittet anschließend zur Kandidatenkür. Bei der Gemeindeversammlung ab 11 Uhr im Starnberger Gemeindehaus in der Kaiser-Wilhelmstraße 18 stellen sich die Persönlichkeiten vor, über die am 21. Oktober bei der Wahl zum Kirchenvorstand abzustimmen ist. Sie nennen ihre Ziele für die Mitarbeit und stehen mit ihrem Gesicht für unsere Gemeinde. Eine gute Gelegenheit, Menschen kennenzulernen, von denen man bisher nur den Namen gehört hat …

Ich freue mich auf jede dieser Feiern! Ende Juli verabschiede ich mich dann mit einem kleinen Nachbarschaftsumtrunk aus der kirchlichen Wohnung in der Himmelreichstraße, in der ich seit 2006 am Englischen Garten in München gehaust bzw. residiert habe. Und für Anfang August ist dann der Einzug ins Starnberger Pfarrhaus geplant – aber dann schreiben wir ja bereits den nächsten Monat und wir haben uns womöglich bei einer der Feiern vorher schon gesehen und gesprochen …


Pfarrer Dr. Stefan Koch









Kolumn_06_2018Nachgedacht Juni 2018

Zu den wichtigen Stationen meines beruflichen Lebens gehört die Zeit auf Malta. Einige Bilder und Gegenstände erinnern mich bis heute an den Dienst auf der Mittelmeerinsel, die in vielerlei Hinsicht interessant ist und ihre ganz eigenen Traditionen und Botschaft bewahrt hat.

Malta ist ein Land, das im Laufe seiner langen Geschichte ständig von fremden Völkern besetzt war. All diese Völker haben nicht nur ihre Kultur und Sprache, sondern auch ihre jeweiligen Religionen mitgebracht. Die Menschen kamen und gingen, aber sie ließen Spuren zurück, die heute noch vorhanden sind.

So z.B. das Osiris-Auge, das sich am Bug der Luzzus, der traditionellen Fischerboote, befindet und das heute als Souvenir gerne von Touristen erworben wird. Das Symbol des Auges ist ursprünglich ein „Mitbringsel“ der Phönizier, einem Seefahrervolk, das um 1000 v.Chr. auf die Insel gekommen sind, um dort zu überwintern. Geprägt von den Erfahrungen auf dem Meer – den Gefahren durch plötzlich aufkommenden Wind und todbringende Wellen - sahen die Phönizier, ganz ähnlich wie andere orientalische Länder, in den Naturgewalten böse Mächte am Werk. Sie hatten das Gefühl, dass diese die Menschen regelrecht suchen und, wenn sie sie erblicken, auch heimsuchen.

Hier sollte das Auge helfen: es sollte den bösen Blick, das Sehen, das Unheil bringt, abwenden. Mit dem Auge ausgestattet hofften die Menschen, dass sie auf der gefährlichen Fahrt nicht vom Unglück ereilt würden, auf dass sie gesund in den Heimathafen zurückkehren können.

Auch heute noch ziert das Auge die farbenfrohen Boote, die zu einem Wahrzeichen Maltas geworden sind. Die Boote selbst tragen meist christliche Namen. Denn die Bewohner Maltas blicken mit besonderem Stolz auf das Ereignis im ersten Jahrhundert zurück, von dem die Apostelgeschichte berichtet. Das Schiff, das den Apostel Paulus nach Rom bringen sollte, war in ein Unwetter geraten und gekentert. Die Besatzung und die Gefangenen aber konnten sich auf eine Insel retten, deren Bewohner noch im alten Götterglauben beheimatet waren. Als Paulus nach rund zwei Jahren die Insel verließ, hatten sich die Menschen dem christlichen Glauben zugewandt. Auch wenn der Name der Insel in der Apostelgeschichte nicht erwähnt wird, so sind sich die Malteser sicher, dass hier von ihrer Insel, von Malta, die Rede ist. Mit dem alten Götterglauben haben sie nichts mehr zu tun. Trotzdem gehört das Auge des Osiris dazu. Denn das Symbol des Auges lässt sich auch gut mit dem Christentum verbinden:

In der Bibel wird immer wieder erzählt, dass Gott sieht und dass ihn das, was er sieht, nicht kalt lässt.

Das kann Unterschiedliches bedeuten:

So sieht Gott das Leid der Israeliten in Ägypten und er handelt, indem er Mose in Dienst nimmt und durch ihn die Befreiung des Volkes erwirkt. Immer wieder wird auch berichtet, dass Gott sieht, wie Menschen sich selbst überschätzen, wie sie sich selbst zu Göttern machen und z.B. einen Turm bauen, der bis in den Himmel reicht. Gott sieht den Größenwahn – und er zerschlägt das Werk.

Es ist also nicht so, dass der Blick Gottes wie ein Zauberspruch ist, der das Böse abhält. Das Böse, das sind ja nicht Götter, die den Wind und die Wellen schicken. Das Böse, das ist das Verhalten von Menschen, die nur sich sehen und vergessen, dass wir alle Brüder und Schwestern sind.

Dass Gott sieht, was auf der Welt vor sich geht, das kann einen auch ängstigen. Man könnte denken: Gott sieht alles, es gibt keine Privatsphäre mehr, es ist so wie das ängstigende „Big brother is watching you“.

So aber ist das Sehen Gottes nicht gemeint. Gottes Auge ist keine Überwachungskamera. Denn Gott ist jemand, der es gut mit uns meint. Sein Blick drückt das aus. In Neuen Testament wird deshalb immer wieder erzählt, wie Jesus in die Dörfer und Städte kommt und dort Menschen sieht, die mit Blicken der Ablehnung leben müssen. Eine neue Dynamik entsteht, weil Jesus diesen Menschen anders begegnet: mit dem gütigen Blick Gottes, für den Jesus selbst steht. So wie in der Begegnung mit dem Zöllner Zachäus, die wohl zu den bekanntesten Geschichten des Neuen Testamentes gehört.

Bei diesem Sehen geht es nicht um optische Reize. Menschen sehen mit ihren Augen. Jesus sieht weiter. Und weil er weiter sieht, kann er auch anders handeln. Er bleibt nicht in den Grenzen, die Menschen ziehen, und er ermöglicht, dass Menschen wie Zachäus selbst Grenzen überschreiten können. Dass sie sich selbst anders sehen und neu verstehen können.

Durch den christlichen Glauben erfährt das alte Symbol des Auges ein neue Dimension: Der Blick Gottes bewahrt uns nicht automatisch vor jedem Schaden – das ist Aberglaube – aber wir können uns darauf verlassen, dass Gott uns nicht aus den Augen lässt.

Das sprechen wir uns immer wieder zu – und zwar nicht nur mit den Geschichten, sondern auch mit dem Segen. Auch hier geht darum, dass Gott sich nicht abwendet, sondern uns sein Gesicht zuwendet, um uns zu Sehen:

Der Herr segne euch und behüte euch.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch uns schenke euch Frieden.

Pfarrerin Birgit Reichenbacher









Über den Maibaum

Die Sprache ist die Fähigkeit uns auszudrücken. Zugleich gibt es seit einigen Jahren Überlegungen, die zuerst etwas seltsam anmuten, dass nämlich auch Bäume wenn schon nicht sprechen, so dann doch sich ausdrücken können. Zu hören ist dabei für unsere Ohren freilich nichts, Bäume sind leise. Bäume reden durch ihren Duft und kommunizieren mit ihrer geheimen Duftsprache für uns eher unterbewusst. So warnt ein Baum den anderen, wenn an ihnen von Käfern herumgeknabbert wird. Das Tempo, das Bäume dabei anwenden, ist freilich nun auch wieder typisch. Sie „sprechen“ mit einem Tempo von einem Zentimeter pro Minute. Und das ist schon ihre Höchstgeschwindigkeit (vgl. Wohlleben, S. 14f) auch in der Not.

Der Maibaum hat daneben die Symbolsprache, um sich auszudrücken. Schon beiden den alten Römern ist er nachzuweisen. Das älteste deutsche Zeugnis über den Maibaum stammt ausgerechnet aus Aachen (vgl. RGG3 Band IV, Sp. 609f), das bekanntlich bei Würselen liegt. Das Wort Maibaum ist „die zusammenfassende Bezeichnung für allerlei Bäume und Zweige, die bei Frühlingsfesten zur Verehrung der Fruchtbarkeit von Mensch, Tier und Feld rituelle Verwendung finden. Der frisch grünende Baum ist in besonderem Maße“ – das Zitat ist nicht das allerneuste – „mit wachstumsfördernder Kraft geladen, die es nutzbar zu machen gilt“ (RGG2 Band III, Sp. 1857).

Weil die meisten der Anwesenden jedenfalls in der Höhe ja durchaus ausgewachsen sind, gilt unsere Aufmerksamkeit heute der qualitativen Wachstumskraft des Maibaums und seines Festes. Wir segnen heute durch diesen Baum die Lebensfreude, der sich an ihm festmachen lässt und die Gemeinschaft, die er stiftet, wo er die Menschen fröhlich, friedlich, gerne ausgelassen, tanzend, singend, nicht zu betrunken, einander bajuvarisch zugewandt begegnen lässt: freundlich gegen Freunde und Fremde, grantelnd gegen Engstirnige.

Wir sprechen von Gottes Segen für die Lust am Leben, die sich auch daran festmachen lässt, dass man beieinander bleibt, auch wenn es einem einmal nicht so fröhlich zumute ist, die aufeinander achten hilft, wenn sich jemand unbegründet zurückzieht, weil er oder sie Kummer hat in der Liebe, mit dem Lebensglück, dem falschen Freund, mit dem blöden Geld, der buckligen Verwandtschaft, oder der Gesundheit.

Gottes Segen wird nicht alles zum Guten wenden, was wir verbocken. Aber Gottes Segen soll uns aufhelfen, wenn‘s verbockt ist, in Wahrheit einen neuen Anfang zu machen. Und Gottes Segen soll hier und da die Einsicht schaffen, was wir alle dazu beiztragen können, dass man‘s nicht zu sehr verbockt, sondern genießt und gönnt und teilt. Eben die Form von Gemeinschaft, die uns gemäß ist. Gottes Segen dazu.

Quellen:

  1. P. Wohlleben, Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt, München 2013, S. 14ff.
  1. L. Röhrich, Art. Maibaum, in: RGG, dritte, völlig neu bearbeitete Auflage, Vierter Band Kop - O, Tübingen 1960, Sp. 609f.
  1. O. Rühle, Art. Maibaum, in: RGG, zweite, völlig neubearbeitete Auflage, Dritter Band, Tübingen 1927, Sp. 1857.


Pfarrer Dr. Stefan Koch









Hinaus!

Mit Ostern wird das Christentum mobil. Und so geht es in den Wochen des Monats April zum Glück auch sonst vielen Menschen. Es treibt uns hinaus aus den eigenen vier Wänden, in die Natur, die trotz gelegentlichem Aprilwetter mit Sonne, frischer Luft und jungen Grün aufwartet. Mein erster Osterspaziergang führte mich in diesem Jahr in den Bernrieder Park. Eine Bank dort lud mich zum sonnigen Verweilen und Ausruhen nach den Osternächten ein.

Den ersten frühlingshaften Spaziergang an Ostern hat Goethes Drama „Faust I“ in der Szene „Vor dem Tor“ unsterblich gemacht. Er beginnt mit der poetischen Beobachtung, die man freilich auch in diesem Jahr machen konnte: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche / Durch des Frühlings holden, belebenden Blick, / Im Tale grünet Hoffnungsglück; / Der alte Winter, in seiner Schwäche, / Zog sich in rauhe Berge zurück.“ Vom Bernrieder Park und seinen Bänken sind die rauhen Berge ja besonders schön zu sehen.

„Osterspaziergang“ heißt auch ein amerikanisches Musical (‚Easter Parade‘, 1948). Das Drama entwickelt sich von Ostern 1912 bis Ostern 1913 in New York. Freilich wurde die etwas vorhersehbare Handlung erst durch die Filmmusik von Irving Berlin zum Erfolg und bescherte dem Komponisten 1949 einen Oscar: Als der berühmte Tänzer (im Film Fred Astaire) erfährt, dass seine Partnerin nun eine Solokarriere beginnt, sucht er Trost im Sarkasmus. Angetrunken behauptet er, er könne aus irgendjemandem eine bessere Tanzpartnerin für ihn formen. Die erstbeste Tänzerin der Truppe des Lokals, eigentlich Sängerin (im Film Judy Garland), genügt ihm zum Beweis. In den bald beginnenden Proben versucht er, das Original seiner früheren Partnerin durch die neue Elevin zu duplizieren. Solch ein Vorhaben kann nur scheitern, der Versuch misslingt gehörig, das neue Programm fällt beim Publikum durch, und unser Held verliebt sich auch noch in die neue Partnerin. Als die freilich ihre sängerischen und komödiantischen Stärken ausspielen darf, wendet sich beruf-lich das Blatt. Und das Tanzpaar findet auch im richtigen Leben zueinander. Am Abend der rauschenden Premiere trifft das junge Glück zufällig die frühere Tanzpartnerin. Eifersüchtig fordert die den alten Partner zum Tanz, woraufhin die Neue wütend-weinend den Saal verlässt. Erst der baldige Osterspazierganz mitten durch New York bringt sie wieder zueinander und tänzerisch gehörig in Schwung …

Das Johannesevangelium im Neuen Testament liefert eine weitere Motivation für den Weg ins Freie, nun endlich mit einer explizit christlichen Begründung. Was vorher nur verklausuliert als Auferstehungserfahrung durchscheinen sollte, wird jetzt vom österlichen Jesus zu seinen Jüngern wörtlich gesagt: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Johannes 20,21).

Der genuin christliche Osterspaziergang dient nicht nur dazu, die Jünger durch die frische Luft vom Hausstaub zu befreien. Sondern dieser Osterweg hat ein sehr konkretes Ziel. Jesus sendet damals seine Jünger und heute uns, um den Menschen die Botschaft der Auferstehung weiterzusagen. Das beginnt mit einem „frohe Ostern“ als munterem Gruß. Und mündet darin, Menschen für ihr weiteres Leben in Stand zu setzen, die Zukunft in freier Verantwortung aus Gottes Hand anzunehmen, sich von vergangenen Lasten befreien zu lassen und neue Bürden möglichst gar nicht erst zu schultern, wo die untragbar sind …

Schön, wenn unser explizit christlicher Weg seit Ostern wie im Musical auch etwas Tänzerisches, Singendes und womöglich verschmitzt Lächelndes hat. Gut, wo er wie bei Goethe dem Winter im Leben und in der Natur seine Grenzen aufzeigt. Wenn er nur das Ziel im Blick behält: wir sind unterwegs im Namen Jesu, um seine Botschaft weiterzutragen, dass Gott für alle Menschen den Tod besiegt hat …

Pfarrer Dr. Stefan Koch









"Nachgedacht"

 

Fastenzeit – eine Zeit des Verzichts: 7 Wochen ohne…

Die Passionszeit hat als Fastenzeit einen festen Platz in unserer Gesellschaft. Bewusst verzichten Menschen in den Wochen vor Ostern auf Konsumgüter wie Schokolade, Fleisch, Nikotin oder Alkohol. Für die einen ist dieser Verzicht religiös begründet. Er soll helfen, die Passion und Auferstehung Jesu ein Stück weit körperlich nachempfinden zu können. Aber auch im nicht religiösen Leben erfährt die Fastenzeit Wertschätzung: Wellnessoasen überbieten sich gegenseitig mit Angeboten zum „Heilfasten“, zur Entschlackung des Körpers, zur Beseitigung der über die Wintermonate zulegten Fettposter. Die Fastenzeit wird als Kur verstanden, als Verzicht auf „ungesunde“ Kalorien mit dem Ziel, den Körper zu stärken und ein Gefühl von Gesundheit zu erlangen.
Seit einiger Zeit lädt die evangelische Kirche zu einem Verzicht ein, der ganz anderer Art ist: es geht um den Verzicht auf Gewohnheiten und Verhaltensweisen, die unseren Alltag bestimmen und gleichzeitig oft das versperren, was unser Leben bereichert. „7 Wochen ohne“ lautet die Aktion, deren Idee in den 80er Jahren geboren wurde, und die seit 2008 unter diesem Titel bekannt ist. 7 Wochen ohne Geiz“ – so das Motto im ersten Jahr der Reihe. Und es folgten andere: „7 Wochen ohne Vorsicht“, „ohne falsche Gewissheiten“, „ohne falschen Ehrgeiz“, „ohne Zaudern“, „ohne Ausreden“, „ohne Sofort!“ Die Aktion spricht Menschen an. Wenn man den Zahlen trauen darf, dann kann man nur staunen: 1989 nahmen rund 500.000 Menschen an der kirchlichen Fastenaktion teil. Mittlerweile sind es laut einer Emnid-Umfrage jährlich mehr als 3 Millionen Menschen in Deutschland, die bewusst bei der Fastenaktion der Evangelischen Kirche mitmachen. Ein wichtiger Grund dafür ist die Aktualität der Themen, die mit dem Bewusstsein korrespondiert, dass die angesprochenen Themen uns alle betreffen, unabhängig davon, wie es um unseren Glauben bestellt ist. Das gilt auch für das Fastenmotto in diesem Jahr: „Zeig Dich! Sieben Wochen ohne Kneifen“. An was denken Sie bei diesem Titel? Mir fallen Beispiele gelebter Zivilcourage ein. Menschen, die den Mund aufmachen und nicht schweigen, wenn sie sehen, dass Unrecht geschieht. Männer und Frauen, die sich für Menschenrechte einsetzen und in Kauf nehmen, für ihren Einsatz selbst angegangen zu werden. Mir fallen Namen wie Deniz Yücel ein, der für viele andere steht, deren Namen nicht bekannt sind. Oder der Name der Geschwister Scholl, die sich – wie die anderen Mitglieder der Weißen Rose – gegen den Apparat der Unmenschlichkeit und der Diktatur des Nazi-Regimes gewehrt haben. Das Fastenmotto in diesem Jahr will uns ermutigen, uns nicht weg zu ducken, nicht zu kneifen. Nicht im Großen, aber erst recht nicht im Alltag. Denn auch hier gibt es genügend Anlässe, sich so oder anders zu verhalten: In der U-Bahn, im Supermarkt, am Arbeitsplatz.
Nicht kneifen – das gilt nicht nur für Christen. Als Christen aber haben wir einen guten Grund, den Kopf nicht einzuziehen, sondern Stellung zu beziehen. An diesen Grund erinnert die Passionszeit, die ja nicht nur für das Leiden Jesu steht, sondern vor allem die Leidenschaft Gottes sichtbar macht. Es ist die Chance der Fastenzeit, im „ohne“ den Gewinn, die Bereicherung, den Neuzugang zu Gott und zum Leben zu entdecken – eine Erfahrung, die über die 7 Wochen des Verzichts hinausreicht.

Mit freundlichen Grüßen
Birgit Reichenbacher
Pfarrerin









"Faschingsferien, Fasten und Exerzitien"

 

Suche Frieden StarnbergRosenmontag – Faschingsdienstag – Aschermittwoch – kaum eine Zeit in der zweiten Hälfte des Winters ist so ritualisiert wie das Ende der „tollen Zeit“. An den Abenden laufen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Prunksitzungen aus Mainz, Köln und Düsseldorf. Rosenmontag und Faschingsdienstag sind die Tage der großen Umzüge durch die Innenstädte. Am Aschermittwoch ist dann angeblich „alles vorbei“. Eigentlich ist damit aber nur die Schwelle betreten, die in die folgende Zeit hineinführt. Ein weiterer Schritt sollte folgen, um sie zu überschreiten …

Die Schulen nutzen die gesetzlich freien Tage des Faschings zum Atemholen, in Bayern sind diese Tage unterrichtsfrei. Lehrerinnen und Lehrer schnaufen nach dem Zwischenzeugnis noch einmal durch, bevor das zweite Halbjahr beginnt. Skifahrer freuen sich auf Pistenzeit jenseits des Wochenendes, wissen aber, dass viele in dieser Zeit an den Hängen und auf den Straßen unterwegs sind. Im offiziellen Kalender heißt diese Zeit „Winter-“ oder „Frühjahrsferien“, so als könnte man sich nicht so recht zwischen den Jahreszeiten entscheiden.

Auch kirchlich markieren diese Tage eine Zeit des Übergangs. In der Katholischen Kirche werden die 40 Tage bis Ostern offiziell „österliche Bußzeit“ genannt, protestantisch ist von der „Passionszeit“ die Rede, orthodox spricht man von einer der „großen Fastenzeiten“.

Zweck eines Fastens in dieser Zeit ist nach offizieller lutherischer Überzeugung „den alten Adam zu zähmen“ (so die Bekenntnisschriften unserer Evangelisch Lutherischen Kirche, BSLK, S. 302), ein Fasten wird insbesondere zur Vorbereitung auf das Heilige Abendmahl empfohlen. Als kirchliches Gebot kann ein Fasten freilich nicht gelten: „Fasten und leiblich sich bereiten ist wohl eine feine äußerliche Zucht“ (BSLK, S. 521). Wer fastet, tut das nicht, um Gott zu gefallen, sondern um mit sich selbst wieder besser ins Lot zu kommen und frei von eigenen Zwängen zu werden, soweit das in unserer Hand liegt.

Zur Vorbereitung auf Ostern dienen in diesem Jahr auch wieder die „Ökumenischen Exerzitien im Alltag“, die am 20. Februar 2018 ab 20 Uhr im katholischen Gemeindezentrum in der Mühlbergstraße 6 in Starnberg beginnen. Jeden Dienstag in der Passionszeit begleiten die katholische Religionspädagogin Veronika Pfefferer-Kraft und ich eine feste Gruppe (Anmeldung im Pfarramt) auf einem sehr persönlichen Weg des Nachdenkens. In diesem Jahr geht es bei den Exerzitien um das Thema „Suche Frieden“, gewiss auch den inneren Frieden mit mir selbst.

Pfarrer Dr. Stefan Koch









"Nachgedacht"

 

Ein Wort des Sehers Johannes als Begleitspruch für das Jahr 2018 – Die Jahreslosung

Am Ende eines Jahres steht der Rückblick. Noch einmal schauen wir auf das, was in den zurückliegenden 12 Monaten in der Welt passiert ist, erinnern noch einmal an die Bilder, die wir schon fast vergessen hatten. Selten gehen wir ganz zurück an den Anfang eines Jahres, dahin, wo Zukunftsforscher erste Vorhersagen aufgestellt haben. Wenn doch, dann sind wir überrascht, welche Jahresvorhersagen eingetroffen sind und welche nicht. Die Fehlerquote liegt hier nämlich sehr viel höher als die Trefferquote und das, obwohl es sich doch um einen relativ übersichtlichen Zeitraum von nur 12 Monaten handelt. Rückblickend erkennt man, wo das Problem der Vorhersagen ist: je konkreter, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass sie richtig liegt. Je allgemeiner, desto größer die Chance, doch irgendwie eine Entsprechung zu finden.

Der biblische Satz, die uns als Leitwort durch das neue Jahr begleiten möchte, entstammt dem letzten Buch unserer Bibel, der Offenbarung. Dieses Buch wurde immer wieder als eine Vorhersage von konkreten weltpolitischen Ereignissen verstanden – bis dahin, dass man mit Verweis auf den Autor Johannes meinte, den Weltuntergang genau datieren zu können. Als ein solches Orakel ist das Buch des Sehers aber sicher nicht zu verstehen. Und auch die Jahreslosung, die dem 21. Kapitel entnommen ist, ist weit mehr als eine Vorhersage.

Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

So lautet der Satz, der uns als Jahreslosung für 2018 gegeben ist.
Hunger und Durst werden wir auch im nächsten Jahr haben. Im konkreten wie im übertragenen Sinn. Johannes, der sein Buch in einem heißen Land schreibt, wo Wasser knapp und daher besonders kostbar ist, greift bewusst auf dieses Bild zurück. Es geht ihm um die Grundlage des Lebens, um das lebensbegründete und lebensnotwenige Gut. Doch seine Worte gelten nicht den Wüstenbewohnern, sondern Christen, die wüste Zeiten erleben. Der im Exil lebende oder verbannte Johannes schreibt im ausgehenden 1. Jahrhundert. Die römische Fremdherrschaft fordert von den christlichen Gemeinden das Bekenntnis zum Kaiser und reagiert bei abweichendem Verhalten mit der Todesstrafe. Die noch jungen Gemeinden sehnen sich danach, selbstbestimmt und frei ihren Glauben leben zu können. Sie sehnen sich nach dem, wonach sich alle Menschen sehnen: Sicherheit und Freiheit, eine Zukunft für die Kinder.

Auch wir bringen in das neue Jahr unsere Sehnsüchte, unser Verlangen, unsere Wünsche mit:
Wir schauen auf unsere Kinder und hoffen, dass sie in diesem Jahr schaffen, was ansteht: z.B. der Übertritt oder ein Schulabschluss, wir hoffen und wünschen, dass sie ihren Weg finden und gehen können.
Andere schauen auf das, was gerade im Umbruch ist und hoffen, dass es 2018 z.B. beruflich neue Perspektiven geben wird. Wieder andere, die gesundheitlich belastet sind, sehnen sich nach einer Zeit der Genesung, an eine Wieder-Teilnahme am Leben. So wie es sicherlich auch all denen geht, die im letzten Jahr einen lieben Menschen verloren haben und immer noch nach der Quelle suchen, aus der sie neue Lebenskraft schöpfen können.
Es ist gut, dass wir diesen Lebenshunger und diesen Lebensdurst spüren, auch wenn beides quälend sein kann. Denn darin drückt sich aus, dass es etwas gibt, was unter der Oberfläche zu finden ist. Nur wer diese Sehnsucht in sich trägt, ist sensibel für das Gut, das sich hinter dem Vordergründigen verbirgt. Nur wer durstig ist, macht sich auf die Suche nach der Quelle. Durst gehört zum Leben – ebenso wie das gedürstet werden.

Es gibt Bilder, die im Laufe der Zeit an Kraft verlieren oder erklärt werden müssen, weil sie in der modernen Welt keinen Bezug mehr haben. Mit dem Wasser und der Quelle aber ist das anders. So sprechen wir auch ganz selbstverständlich von den Kraftquellen, die wir haben und aus denen wir schöpfen können. Diese können unterschiedlich aussehen:
Für den einen ist es die Familie. Für andere die Partnerschaft oder sind es gute Freunde.
Eine Quelle, die Lebenskraft und Lebensfreude schenkt, kann auch Musik oder die Stille, eine Reise oder die Planung eines Festes.

Johannes spricht von einer solchen Quelle. Er spricht von dieser Quelle im Kontext einer großen Vision. Eine Vision ist keine Gegenwartsbeschreibung, aber auch keine Wunschvorstellung. Für eine Vision gilt, dass an dem, was kommt, sichtbar wird, was geht schon gilt, was wahr ist.

Die Quelle des lebendigen Wassers, an die Johannes die bedrängten Christen seiner Zeit erinnert, ist die Wahrheit in Christus, die unbesiegbar und nicht versiegend ist. Trotz der Bedrohungen, denen der Glaube ausgesetzt war.

Heute, rund 1900 Jahre später, dominiert zum Glück keine Endzeitstimmung, was aber auch verloren geht, ist die Gewissheit der Werte, die wir eine Zeit glaubten, sicher zu besitzen, wie z.B. unsre demokratischen Prinzipien, die Rechtstaatlichkeit, die Freiheit des Denkens und des Glaubens. Stattdessen werden wir auch in diesem Jahr dem entgegentreten, was nicht nur zum Bild auf der politischen, sondern auch Ausdruck unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses geworden ist: die Angst um das eigene Ich, die sich ausdrückt in einem America first, Great Britain first, meine Familie zuerst, mein Ego zuerst. Wie sensibel unsere errungene Werte angesichts scheinbarer oder tatsächlicher Bedrohungen sind, war auch im vergangenen Jahr zu spüren, nicht zuletzt in den Wahlen des Bundestages, wo gerade die großen demokratischen Parteien erschreckend viele Stimmen verloren haben und war bis in dieses Jahr nachwirkt.

Das Wort des Sehens Johannes passt auch in unsere Zeit – und es tut uns gut. Denn hier geht es gerade nicht darum, sich der Sehnsucht, des Lebensdurstes, von Menschen zu bedienen und dafür eine Gegenforderung zu stellen. Sondern sie an eben jene Quelle zu erinnern, die gibt, ohne Bedingungen zu stellen – sola gratia, allein aus Gnade. Kein Schnäppchen, keine Mangelware, sondern höchstes Gut, und das ohne Gegenrechnung, einfach umsonst.

Es ist eine Quelle, die keine Geldquelle ist, sondern eine Quelle des Glauben, die darauf gründet, dass Gottes Wahrheit in Jesus Christus Mensch geworden ist, verletzlich und unscheinbar und doch wirkmächtig und unvergänglich.

Das ist eine – wie ich finde – wunderbare Erinnerung, die zugleich Programm sein darf und die wir gut in dieses Jahr mitnehmen können. Persönlich, aber auch als Gemeinde und als christliche Kirche, die auch 2018 aus dieser Quelle schöpfen darf.

Mit freundlichen Grüßen
Birgit Reichenbacher
Pfarrerin

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