Kolumne August 2018











garfield_08_2018Alles nur Routine…

Es war als Kompliment gemeint, als mir mein Gegenüber sagte, dass nach all den Jahren der Praxis als Pfarrerin doch sicher alles nur noch eine Frage der Routine sei.

Tatsächlich ist es schön, wenn die Vorbereitung für Gottesdienste und Schulunterricht nicht mehr die Zeit benötigt wie in den ersten Berufsjahren; wenn das Erlernte sicherer und schneller von der Hand geht und man nicht das Gefühl hat, immer wieder am Anfang aller Überlegungen zu stehen. Das gilt sicher nicht nur für den Beruf, das gilt aber auch für andere Bereiche des Lebens – im Hobby ebenso wie in der Begleitung von Ehrenämtern, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Trotzdem hat mich die Aussage beschäftigt, denn „Routine“ hat einen ambivalenten Charakter. Neben dem positiv Professionellen wird das Wort gerne dafür verwendet, ein Tun zu beschreiben, das nur noch mechanisch von statten geht. „Routiniert“ beschreibt in diesem Sinn ein zielorientiertes Handeln, das die Komplexität des Umfeldes nicht mehr wahrnehmen kann oder möchte, das vielleicht fehlerfrei, dafür aber herzlos ist.
Was also ist Routine – etwas Erstrebenswertes oder eine Falle?
Das französische Wort, das längst in unsere Sprache eingegangen ist, könnte man am besten mit „Wegerfahrung“ übersetzen. Es geht also einerseits um einen irgendwie abgesteckten Weg, eine „Route“. Andererseits um Erlebbares, um Erfahrungen. Oder anders ausgedrückt: Wer sich für einen Weg entscheidet und diesen wählt, der entdeckt Merkmale, die vertraut werden. Ist der Wanderer aber erst einmal unterwegs und schaut zurück, dann stellt er fest, was ihm an Unvorhergesehenem begegnet ist. Klug ist er, wenn er auch künftig damit rechnet, dass es ganz anders kommen kann als man vermutet. „Routine“ meint also einen Rahmen, in dem sich etwas ereignen kann. Und „routiniert“ ist der Mensch, der es zulässt, dass im Rahmen seines Berufs oder Handelns auch etwas Unerwartetes, Überraschendes geschieht. Dieser Definition folgend bleibt „Routine“ selbst ein Ziel, ein lebenslanger Prozess und ein Lernen. Und so verstanden ist es natürlich reizvoll, Routine zu gewinnen, weil man routiniert so manches erleben kann.

Pfarrerin Birgit Reichenbacher