Kolumne September 2018











Die Welt und mich selbst ergründen …

Nachdem wir im Juli nach dem „Blutmond“ und im August in den lauen Nächten am Himmel nach Sternschnuppen Ausschau halten konnten, ist der September offen-sichtlich ein guter Monat, um noch einmal innezuhalten und in sich zu gehen. Für viele Menschen normalisiert sich erst mit der Schulzeit das Leben wieder zu einem gewohnten Alltag in der Familie, der sie dann bis Weihnachten begleitet. Die ersten Septembertage rechnen noch zu den großen Ferien, wenngleich in diesen Wochen bei weitem nicht mehr alle im Urlaub und weit weg sind.

Was gibt es bis zum Ende der schulfreien Zeit noch zu erledigen? Was wollte ich in diesem Sommer angehen und schaffen, und habe jetzt noch Zeit, etwas dafür zu tun? Zum Ende des Jahres hin, später, wenn dann die Tage spürbar kürzer und die Abende fühlbar lang werden, wird auch in der Kirche wieder über das Vergehen der Zeit und den Beginn der Ewigkeit nachgedacht. Ein Schlüsseltext dabei ist das große Gedicht aus dem dritten Kapitel des Buches Kohelet (gerne auch „Prediger“ ge-nannt) im Alten Testament:

„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stun-de:
Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;
pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;
klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;
herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;
suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;
behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;
zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit;
schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;
lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;
Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“
(Kohelet 3,1-8)

In 14 Wortpaaren wird hier das Menschen mögliche Verhalten ausgelotet. Und egal, was man tut, immer steht fest, dass jegliches Tun „seine Zeit“ hat. Das können wir Menschen auch heute sehr wohl bestätigen. Es gibt eine Zeit für dies und das, für sich verlieben und sich verlassen fühlen, für in der Diskussion mitreden oder sich über die großen Streitfragen ausschweigen, für mitfeiern oder sich lieber alleine auf den Weg zum neuen Ufer machen … Insofern taugt das dritte Kapitel des Predigers durchaus auch für eine innere Bestandsaufnahme zum Ende des Sommers.

Danach freilich schleicht sich in die Fülle der 14 Wortpaare eine dezente Melancho-lie ein. Denn danach stellt der Prediger fest: „Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergrün-den kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende“ (3,11 – der Monats-spruch für den September).

Die Welt, mag sie auch sorgsam und klug geordnet sein und auf ein Ziel hin ge-schaffen, warum offenbart sie ihre Ordnung gerade dann nicht, wenn das besonders hilfreich wäre? Warum sagt mir keiner, was jetzt gerade für mich an der Zeit ist, so-dass ich weiß, was ich tun soll? Über den Tod des lieben Menschen weinen oder über die Erfüllung eines fast hundertjährigen Lebens mich freuen und innerlich la-chen? Die Ausbildung abbrechen oder darauf bauen, dass mir meine neue Tätigkeit doch noch gefallen wird? Den Birnbaum in den Garten einpflanzen oder dem stolzen Kirschbaum den gefährlich herabhängenden Ast absägen lassen?

Egal wie meine persönliche Entscheidung hier und da ausfällt, was wir nun doch noch tun oder nun endlich lassen am Ende dieses Sommers, auch das gibt uns der Prediger ins Herz mit: da ist ein Gott, der uns ins Leben gerufen hat, der den weltli-chen Rahmen der Existenz schafft, und der uns in den Folgen unserer Entscheidun-gen begleitet. Sei es so, dass er uns die richtigen Gedanken nahelegt. Sei es so, dass er uns intuitiv das für heute Richtige entscheiden lässt. Sei es so, dass er uns einen Menschen schickt, der mit uns die nächsten Schritte in das Leben geht, das jetzt vor uns liegt.

Sonnenuhr in Schwabhausen, kirchenundkapellen.de/kirchenpz/Sonnenuhren, (zuletzt abgerufen am 13. August 2018 um 16.33 Uhr)


Pfarrer Dr. Stefan Koch