Über den Maibaum

Die Sprache ist die Fähigkeit uns auszudrücken. Zugleich gibt es seit einigen Jahren Überlegungen, die zuerst etwas seltsam anmuten, dass nämlich auch Bäume wenn schon nicht sprechen, so dann doch sich ausdrücken können. Zu hören ist dabei für unsere Ohren freilich nichts, Bäume sind leise. Bäume reden durch ihren Duft und kommunizieren mit ihrer geheimen Duftsprache für uns eher unterbewusst. So warnt ein Baum den anderen, wenn an ihnen von Käfern herumgeknabbert wird. Das Tempo, das Bäume dabei anwenden, ist freilich nun auch wieder typisch. Sie „sprechen“ mit einem Tempo von einem Zentimeter pro Minute. Und das ist schon ihre Höchstgeschwindigkeit (vgl. Wohlleben, S. 14f) auch in der Not.

Der Maibaum hat daneben die Symbolsprache, um sich auszudrücken. Schon beiden den alten Römern ist er nachzuweisen. Das älteste deutsche Zeugnis über den Maibaum stammt ausgerechnet aus Aachen (vgl. RGG3 Band IV, Sp. 609f), das bekanntlich bei Würselen liegt. Das Wort Maibaum ist „die zusammenfassende Bezeichnung für allerlei Bäume und Zweige, die bei Frühlingsfesten zur Verehrung der Fruchtbarkeit von Mensch, Tier und Feld rituelle Verwendung finden. Der frisch grünende Baum ist in besonderem Maße“ – das Zitat ist nicht das allerneuste – „mit wachstumsfördernder Kraft geladen, die es nutzbar zu machen gilt“ (RGG2 Band III, Sp. 1857).

Weil die meisten der Anwesenden jedenfalls in der Höhe ja durchaus ausgewachsen sind, gilt unsere Aufmerksamkeit heute der qualitativen Wachstumskraft des Maibaums und seines Festes. Wir segnen heute durch diesen Baum die Lebensfreude, der sich an ihm festmachen lässt und die Gemeinschaft, die er stiftet, wo er die Menschen fröhlich, friedlich, gerne ausgelassen, tanzend, singend, nicht zu betrunken, einander bajuvarisch zugewandt begegnen lässt: freundlich gegen Freunde und Fremde, grantelnd gegen Engstirnige.

Wir sprechen von Gottes Segen für die Lust am Leben, die sich auch daran festmachen lässt, dass man beieinander bleibt, auch wenn es einem einmal nicht so fröhlich zumute ist, die aufeinander achten hilft, wenn sich jemand unbegründet zurückzieht, weil er oder sie Kummer hat in der Liebe, mit dem Lebensglück, dem falschen Freund, mit dem blöden Geld, der buckligen Verwandtschaft, oder der Gesundheit.

Gottes Segen wird nicht alles zum Guten wenden, was wir verbocken. Aber Gottes Segen soll uns aufhelfen, wenn‘s verbockt ist, in Wahrheit einen neuen Anfang zu machen. Und Gottes Segen soll hier und da die Einsicht schaffen, was wir alle dazu beiztragen können, dass man‘s nicht zu sehr verbockt, sondern genießt und gönnt und teilt. Eben die Form von Gemeinschaft, die uns gemäß ist. Gottes Segen dazu.

Quellen:

  1. P. Wohlleben, Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt, München 2013, S. 14ff.
  1. L. Röhrich, Art. Maibaum, in: RGG, dritte, völlig neu bearbeitete Auflage, Vierter Band Kop - O, Tübingen 1960, Sp. 609f.
  1. O. Rühle, Art. Maibaum, in: RGG, zweite, völlig neubearbeitete Auflage, Dritter Band, Tübingen 1927, Sp. 1857.


Pfarrer Dr. Stefan Koch